Leseprobe aus "Auf einen Schlag war's anders"


Vorwort
Unsere Autorin hat dem Buch ein Gedicht von Hermann Hesse
vorangestellt. Wenngleich ich ebenfalls in Calw, im Schwarzwald,
geboren wurde und dort im Hermann-Hesse-Gymnasium zur
Schule ging, habe ich es nicht gekannt. Das Gedicht passt jedoch gut
zur Geschichte, die uns hier erzählt wird.
Der Hirnschlag ist nicht selbst gewählt – im Gegenteil, er bricht
unvermutet und mit großer Gewalt ein in gewohnte und eingeübte
Lebensabläufe, eben »schlagartig«. Nicht die Welt verändert sich
durch diesen Schlag; es ist der vom Schlag Getroffene, der durch Ausfall
von Schaltkreisen im Gehirn sich selbst und die Umwelt verändert
wahrnimmt und erlebt. Wie und was sich verändern kann, wird am
Anfang des Buches eindrücklich beschrieben. Genauso interessant ist
aber der folgende Teil, in dem unsere Patientin und nun Autorin beschreibt,
wie sie sich nach diesem Schlag mit ihren Handicaps auf den
Weg gemacht hat, wieder Initiative ergriffen und »das eigene Leben
selbst gewählt« hat und welche Menschen und Institutionen ihr dabei
geholfen – oder sie auch behindert haben.
Unsere Autorin hat am 7. September 2003 eine Basilaristhrombose
erlitten. Betroffen von der Mangeldurchblutung war der Hirnstamm.
Das Stammhirn oder der Hirnstamm liegt im Zentrum des Gehirns.
Dort laufen auf engem Raum die wichtigsten Leitungsbahnen zusammen.
Hier werden lebenswichtige Schalt- und Leitungszentralen lokalisiert,
die Bewegungen der Augen und des Körpers steuern. Alle
Nervenbahnen, die dem Gehirn Schmerz, Temperatur und Körpergefühl
melden, laufen durch das Stammhirn, und hier liegen auch Steuerung
und Taktgeber für Herzschlag und Atmung. Sehen, Riechen
und zum Teil auch Hören laufen nicht über diese Stammhirnzentren
und Hirnstammbahnen. Das ist der Grund, weshalb unsere Patientin
auch nach dem Schlaganfall mit ihren Augen und Ohren wahrnehmen
konnte, was sich um sie herum abspielte.
Diese Eindrücke und Erlebnisse und wie sie in den angeschlagenen
Schaltkreisen des Gehirns verarbeitet wurden, beschreibt das Buch im
ersten Teil. Präziser müssen wir sagen: Die Autorin beschreibt ihre
Erinnerungen daran. Doch diese dürfen wir ernst nehmen, denn auch
die Hirnareale, in denen vergangene Eindrücke abgespeichert werden,
waren nicht direkt von der Durchblutungsstörung und dem Sauerstoffmangel
betroffen. Und ob es überhaupt eine klare Trennung zwischen
Verarbeitung und Abdruck des Erlebten in die Wachstafel des
Gedächtnisses gibt, ist ungewiss; vermutlich ist dafür die Gesamtheit
der Netzwerke des Gehirns in einem föderalen und geordneten Zusammenwirken
erforderlich.
Alles fängt bei unserer Patientin am 7. September mit Schwindel
an, dann geht es weiter und wird existenziell. ICH BIN, aber »es gibt
keine Vergangenheit und keine Zukunft, keine Familie und nichts
Materielles«. Trotzdem wird noch einiges wahrgenommen – die Enge
im Untersuchungsraum und »die Leute sind nett«. Es ist also nicht
so sehr das Denken – cogito ergo sum –, das uns sicher macht, ICH
BIN, sondern die Wahrnehmung der Umgebung und darin als Fixsterne
freundliche Mitmenschen und das Gefühl, dass keine Hektik,
sondern Ruhe herrscht und alle »das Beste tun und mit viel Liebe«
und dass man selbst nichts tun kann – nichts tun muss.
Und dann bekommt die Patientin nichts mehr mit; »mir geht es
wunderbar und ich bin schon weit weg, aber trotzdem fühle ich mich
wie immer«. Nicht das Denken, es ist das Fühlen, das Bestand hat
und erinnert wird, auch nachdem der Input von außen stoppt und das
Gehirn – vermutlich – Selbstgespräche führend friedvoll eine Reise
von außen nach innen erlebt, die als Nahtod beschrieben und erinnert
wird.
Die ersten Schritte der Rückkehr – der Beginn des neuen Lebens –
sind festgelegt und automatisch, nicht »selbst gewählt« und von Geduld
und Demut geprägt. Doch dann kommen die ersten eigenen,
selbst gewählten Schritte, Begegnungen und Erfahrungen aus einem
neuen Blickwinkel, der erst erfahren und erprobt sein will, manches
aber dadurch schärfer und klarer begreift. Manche professionellen
Hilfsangebote kommen unter diesem Brennglas irgendwie noch
schiefer daher, andere Nebensächlichkeiten werden wichtig. So die
»wundervolle Schwester«, die sich Zeit nimmt: »Heute machen wir
zusammen einen kleinen Ausflug.« Unsere Patientin soll die Rehabilitationsklinik
im Inselspital kennenlernen, wo die nächsten Stufen
in Angriff genommen werden sollen. Aus einer »Einführung in die
Reha« macht diese »wundervolle Schwester« einen kleinen Ausflug
zu zweit im Rollstuhl durch die Unterwelt vom Inselspital zum Anna
Seiler Haus durch triste Betongänge – die ganz anders erlebt werden,
nämlich als ein abschüssiger Pfad in die Unterwelt: Auch das räumliche
Koordinatensystem ist noch durcheinander und muss neu gebootet
werden. Im Buch bleibt vor allem aber die Erinnerung an die
Schwester, die sich Zeit nimmt und lächelt. »Sie schenkt mir einfach
ein wenig von ihrer Zeit.« Merci an diese Schwester, dass sie sich die
Zeit genommen hat. Schade, dass sie sich die Zeit nehmen musste –
wegnehmen vom knapp bemessenen Stellenplan und gesundheitspolitischen
Strategien und Taxpunktplanungen, die den Wert von Zeit,
Ruhe und Gespräch börsenkotiert und damit falsch bemessen.
Und dann geht es weiter – in die Reha, tageweise nach Hause und
zurück in den Alltag und auch zurück zur Musik. Und es ist Arbeit,
Gehirn, Gefühl, Gesang zusammen in Einklang zu bringen – und
macht müde. Und auch traurig – wenn ein Freund nach einem Herzinfarkt
rät: »Dann wirst du auch wieder Fortschritte machen, wenn
du dir nur ein wenig Mühe gibst …« Und wieder einmal ist es damit in
diesem Buch auf den Punkt gebracht: Hirnschlag ist nicht nur häufig –
häufiger als Herzinfarkt im Alter. Der Weg zurück ist dornig, langwierig,
zeitraubend; graue, deprimierende Strecken sind lang. Weil es
eben unser Gehirn ist, das sich selbst reparieren, neu kalibrieren soll,
das aber selbst angeschlagen, eingeschränkt und eben nicht frei ist –
soweit es das überhaupt sein kann. Wenn das Gehirn sich am eigenen
Schopf aus dem Sumpf ziehen soll, ist das für jeden von uns nicht
einfach – und um wie viel mehr dann, wenn eben gerade dieses Gehirn
einen Schlag bekommen hat.
Dennoch gibt es Episoden von Glück, Zuversicht, Fortschritt –
und oft ist das verbunden mit jemandem, der sich Zeit nimmt, ein
Lächeln schenkt, hilft. Aber auch das dringt nicht mehr durch, wenn
eine Depression Wahrnehmung, Gedächtnis und Gefühle in ihren
grauen Schleier hüllt. Hier – wie auch im Umgang mit der komplexen
Bürokratie – sind langfristige und stabile Hilfen gefordert. Dies umso
mehr, weil manche Einschränkungen durch den Hirnschlag eben
nicht auf den ersten Blick sichtbar sind und auch die Betroffenen erst
lernen müssen, wo die neuen Grenzen liegen und was man sich selbst
und den Mitbetroffenen zumuten kann und darf.
Diese Erfahrungen und die erforderlichen Maßnahmen, um das
»Leben wieder selbst zu wählen« und zu gestalten, fasst das Buch im
letzten Abschnitt zusammen. Manche Erlebnisse werden zur Freude
des Lesers etwas in Humor, Ironie und auch ein bisschen Sarkasmus
verpackt – und das ist gut so. Manchmal bleiben halt nur noch Humor,
Musik und Freunde, wenn man sich wieder seinen Platz im Leben
wählen will – in einer Gesellschaft, wo man auch mit Handicap
reibungsfrei funktionieren soll und in der vor allem die Kurse stimmen
müssen.
Jedoch bleibt es in diesem Buch nicht dabei – es wird zitiert, eigene
Umwege und Hilfsmittel werden geschildert, Quellen werden
herangezogen und es wird auf andere Erfahrungen und Broschüren
verwiesen – einschließlich Links zu nützlichen Websites im Internet.
Auch hier spürt man, dass viele mit Hand und Hirn mitgeholfen haben,
von der eigenen Familie bis zu manchen Ärzten und Ärztinnen
sowie Schwestern, die sich schon immer Zeit genommen haben und
für die die Versorgung ihrer Patienten nicht Betreuung von Kunden
ist.
Nicht zuletzt deshalb freue ich mich und bin stolz, die Ehre zu
haben, dieses schöne Buch mit einem Vorwort begleiten zu dürfen.
Gerhard Schroth
Arzt für Neurologie und Radiologie, Neuroradiologie FMH
Professor für Neuroradiologie, Emeritus, der Universität Bern


Eine unglaubliche Geschichte
Heute ist der 6. September 2003, und wir sind zum 40. Geburtstag
eines Freundes eingeladen. Ich fahre mit meinen beiden Kindern
allein. Mein Mann ist stark erkältet und liegt im Bett. Es ist ein
wundervoller Tag mit blauem Himmel. Am Abend machen wir uns
wohlgemut auf den Heimweg. Es war ein gelungener Tag. Kein Gedanke
und kein Hinweis deuteten darauf hin, dass am nächsten Tag
alles vorbei sein sollte.
Zwei Wochen zuvor hatte ich auf der Heimfahrt einen Krankenwagen
auf der Autobahn gesehen und mir überlegt, wie es wohl wäre,
darin liegen zu müssen. Nie dachte ich ans Sterben. Es war ein flüchtiger
Gedanke. Nicht im Traum wäre es mir in den Sinn gekommen,
zwei Wochen später selbst in so einem Wagen zu liegen. Hätte man
mir gesagt: »In zwei Wochen wirst du dem Tod hautnah begegnen!«,
ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Ich hätte wohl große Angst
bekommen. Obwohl ich viele Bücher über Nahtoderlebnisse gelesen
hatte, war die alte Vorstellung vom Tod im schwarzen Kapuzenumhang
immer noch da. Ein Totenschädel, der mich mit einem hämischen
Grinsen aus seinen tiefen schwarzen Augenhöhlen anschaut
und seine Sense mit einem lockeren Schwung von der Schulter gleiten
lässt. Dieser Gedanke jagte mir kalte Schauer über den Rücken. Keine
Nacht hätte ich ruhig geschlafen. Wie froh bin ich, dass ich es nicht
wusste!
Am Abend kommen wir nach Hause, und ich fühle mich gut. Wie
immer gehen wir alle schlafen. Diese Nacht sollte für mich eine ganz
ungewöhnliche werden. Morgens um 3.00 Uhr erwache ich, weil ich
einen Drehschwindelanfall habe und mir übel wird. Ich muss erbrechen.
Diese Anfälle sind mir schon seit zwei Jahren bekannt. Sie tre11
ten immer nach einer starken Stresssituation auf. Ich denke mir: »Das
weite Fahren zum Geburtstagsfest wird wohl der Auslöser sein!«
Am Morgen geht es mir immer noch nicht richtig gut, sodass ich ein
Medikament einnehme. Ich lege mich wieder ins Bett. Es ist Sonntag,
die beste Gelegenheit, sich auszuruhen und zu erholen. Nachmittags
um 15.00 Uhr erwache ich. Es ist mir übel wie noch nie in meinem Leben.
Ich stehe auf und weiß, bis ins Bad komme ich unmöglich. Eine
Woche zuvor hatten wir eine alte Waschschüssel gekauft und diese
stand nun auf unserer Kommode. Kurz entschlossen benutze ich sie.
Ich rufe nach meinem Mann. Er kommt sofort. Ich lege mich ins Bett
und schlafe weiter. Er wischt alles auf und entfernt die Spritzer. Ich
realisiere nichts mehr davon. Kurze Zeit darauf erwache ich wieder
und sehe den Schrank und die Lampe, einfach alles, doppelt. Es wird
mir davon wieder schlecht. Ein schreckliches Gefühl! Sofort bewege
ich mich nicht mehr und schließe die Augen. Ich rufe noch nach meinem
Mann. Die Kinder hören mich nur leise. Ich habe das Gefühl zu
schreien!
Unsere Kinder alarmieren erneut meinen Mann, und er kommt sofort.
Ich sage zu ihm: »Ich sehe alles doppelt!« Nach dieser Aussage
merkt er: »Sie braucht einen Arzt!« Er geht nach unten ins Wohnzimmer
und ruft den Notarzt an. Welch wunderbare Fügung, unser Hausarzt
und Freund hat Dienst. Er kennt mich in- und auswendig. Bereits
nach zehn Minuten klingelt es an der Tür. Er schaut sich nach mir um,
und ich höre, wie mein Mann sagt: »Sie ist oben und liegt im Bett!«
Schon ist unser Hausarzt bei mir im Zimmer und setzt sich auf den
Bettrand. Eine große Erleichterung macht sich in mir breit. Jetzt ist er
da, und es wird alles gut. Es gibt keine Angst, nur eine große Ruhe!
Es ist das wundervollste Geschenk, das er mir machen kann. Ich frage
mich: »Ist er sich bewusst, wie viel Gutes er mir tut?« In dieser Situation
gibt es nichts Schöneres, als sich geborgen zu fühlen und einfach
loszulassen. So lasse ich mich sorglos in seine sicheren Hände fallen
in der Gewissheit, dass alles gut wird. Ich weiß, das Beste wird getan.
Ruhig fragt er nach meinem Befinden, und ich erzähle ihm: »Ich
sehe alles doppelt, und ich habe erbrochen. Alles hat in der Nacht
angefangen mit einem Drehschwindelanfall. Heute Morgen habe ich
dann ein Medikament gegen Drehschwindel eingenommen!«
Sofort geht er nach unten ans Telefon. Er ruft die Ambulanz an.
Aber was ist das? Es ist keine da? Alle sind für Notfälle zu einem
Autorennen abberufen worden. In dieser Zeit durfte es keinen Notfall
im Dorf geben. Ich höre ihn fluchen. Ein weiterer Anruf beim
nächsten Krankenhaus und ein Aufatmen. Eine Ambulanz ist in der
Nähe. Ich kenne unseren Hausarzt gut. Wenn er so überreagiert, ist
es ernst. Es hätte mir auffallen müssen, aber mir steht wohl jemand
auf der Leitung. Mein Sohn steht angsterfüllt neben mir. Tränen treten
in seine Augen, und ich sage zu ihm: »Hab keine Angst, es wird
alles wieder gut!«
Schon ist der Arzt wieder bei mir. Er will mich aus dem Bett nehmen
und nach unten bringen. Das Treppenhaus ist zu eng, um mich
auf einer Bahre nach draußen zu tragen. Ich versuche, mich aufzusetzen,
aber schon sagt er zu mir: »Bleib liegen, es geht nicht!« Ich
lege mich wieder hin. Alles, was sie nun mit mir tun, nehme ich zwar
klar war, und ich helfe auch mit, aber es ist mir egal. Dieses Gefühl ist
nicht einfach zu beschreiben. Ich liege da, sehe und fühle alles, was
sie mit mir tun. Ja, sie tun es mit meinem Körper. Ich bin in ihm, aber
irgendwie ist er doch nur eine Hülle. Die Hektik überträgt sich nicht
auf mich, und ich fühle nur, dass hier Menschen sind, die mich lieben
oder die es gut mit mir meinen.
Bis die Ambulanz da ist, will der Arzt mir noch eine Infusion legen.
Das Wasser, das ich beim Erbrechen verloren habe, muss ausgeglichen
werden. Natürlich geht es nicht auf Anhieb, meine Adern sind
kaum noch zu finden unter der weißen Haut. Der Arzt schickt meinen
Mann, Wasser zu holen, und zwar möglichst heißes. Er muss es über
meine Hand gießen. Dabei macht er sich Sorgen und denkt: ›Hoffentlich
verbrenne ich ihr nicht die Hand. Das Wasser ist so heiß!‹ Aber
für mich ist es ganz angenehm und lauwarm. Sie suchen vergeblich
nach einer Ader, bis die Ambulanz da ist. Die Ärztin und die beiden
Sanitäter sind alsbald bei mir im Schlafzimmer. Der Ärztin gelingt es,
die Nadel in meiner Hand zu platzieren. Sie haben einen fahrbaren
Stuhl dabei, auf den muss ich mich jetzt setzen. Schön brav mache ich,
was mir gesagt wird, und schon rolle ich auf die Treppe zu. Mir ist so
schlecht und bei jeder Bewegung übergebe ich mich. Schon lange ist
nichts mehr in meinem Magen. Meinem Sohn drücken sie den Infusi13
onsbeutel in die Hand, und er folgt wie ein kleines Hündchen. Es ist
der schlimmste Augenblick für meine Kinder, zusehen zu müssen, wie
sie mich hilflos, kreidebleich und wie ein Häufchen Elend aus dem
Haus tragen!